Es gibt Menschen, die spüren ihre eigenen Gefühle. Und dann gibt es Menschen wie mich, die in einen Raum gehen und innerhalb von Sekunden das gesamte emotionale Inventar aufsaugen.
- Kollege wirklich genervt? Plötzlich hab ich auch schlechte Laune
- Die Kassiererin ist melancholisch? Warum will ich auf einmal eine existenzialistisch Lebenskrise haben?
- Mein Kind ist wütend? Ich spüre den Frust - aber warum genau knurrt mein eigener Magen?!
Willkommen in der wunderbaren Welt eines Empathen, wo die Grenze zwischen meins und deins so verschwimmen wie mein Gehirn nach einer zu kurzen Nacht.
Aber wie erkenne ich eigentlich, ob ein Gefühl wirklich meins ist? Und noch wichtiger: Wie gebe ich das zurück, was mir gar nicht gehört?
Tief durchatmen, Kaffee schnappen - wir tauchen jetzt ein in das große Mysterium der fremden Gefühle!

Gefühle anderer - oder warum ich manchmal Emotionen zurückgeben möchte wie ungewollte Werbung
Es gibt Menschen, die nehmen die Welt mit ihren fünf Sinnen wahr - und dann gibt es Empathen, die nicht nur hören, sehen und fühlen, sondern auch zwischen den Zeilen spüren, was unausgesprochen bleibt.
Während andere einfach registrieren, dass jemand müde aussieht, spüre ich die Schwere in der Luft, die Müdigkeit mit sich bringt. Während andere hören, dass jemand sagt "Alles gut", zieht sich in mir etwas zusammen, weil ich fühle, dass das eine Lüge ist.
Und das Beste? Das Ganze geschieht automatisch, ob ich will oder nicht.
Das Leben als menschliche Antenne - faszinierend und verdammt anstrengend
Empath zu sein ist, als würde man ständig auf Empfang sein, ohne den Kanal wechseln zu können. Ich nehmen nicht nur die offensichtlichen Emotionen wahr, sondern auch die leisen, die ungesagten, die tief vergrabenen.
- Ich spüre die Anspannung zwischen zwei Kollegen, auch wenn sie höflich Smalltalk machen.
- Ich spüre die Müdigkeit einer Mutter, auch wenn sie lächelt und sagt, sie kommt gut zurecht.
- Ich spüre die Sorge eines Freundes, auch wenn er beteuert, dass alles in Ordnung ist.
Und das alles passiert unbewusst, automatisch, ohne dass ich es abstellen kann.
Während andere sich am Feierabend einfach aufs Sofa setzen und abschalten, sitze ich da und frage mich, warum ich mich plötzlich traurig fühle - bis mir einfällt, dass ich heute mit jemanden gesprochen habe, der selbst nicht zugeben wollte, dass er traurig ist.
Die große Frage: Was gehört zu mir - und was nicht?
Das Problem ist nicht das Spüren an sich. Das Problem ist, dass ich lange dachte ich müsse mit diesen Gefühlen etwas tun. Ich habe nicht nur wahrgenommen - ich habe sie aufgesogen, als wären sie meine eigenen.
Doch irgendwann wurde mir klar:
X Ich bin nicht verpflichtet, die Last anderer zu tragen.
X Ich muss nicht jeden retten, nur weil ich spüre, dass es ihm schlecht geht.
X Und vor allem: Nicht jedes Gefühl, dass ich wahrnehme, gehört zu mir!
Aber woher weiß ich das?!
Ich habe eine Weile gebraucht, um meine eigenen Gefühle von den fremden zu trennen. Und hier kommt die Krux: Fremde Emotionen fühlen sich oft genauso echt an wie eigene.
Nur ein Unterschied bleibt:
Eigene Gefühle entstehen in mir. Fremde tauchen plötzlich auf, oft ohne Grund.
- Ich betrete einen Raum - und zack, mein Herz rast.
- Ich telefoniere mit jemanden - und nach dem Gespräch fühle ich mich traurig, obwohl ich vorher gut drauf war.
- Ich bin gerade nicht tiefenentspannt - aber sobald jemand mit versteckter Wut an mir vorbei geht, kribbelt es unangenehm in meinem Körper.
Das sind Momente, in denen ich sagen muss:
"Stopp. Das war eben noch nicht da. Also kann es nicht meins sein."
Und dann? Darf ich es loslassen.
Die Kunst des Nicht-Mittragens
Früher dachte ich, ich müsse jede aufgeschnappte Emotion analysieren, verarbeiten, irgendwie nutzen. Heute weiß ich:
- Ich darf Gefühle wahrnehmen, ohne sie mit mir herumzuschleppen.
- Ich darf spüren, ohne mich zu verlieren.
- Ich darf Empathie leben, ohne mein eigenes Energielevel dabei zu ruinieren.
Denn Empathie bedeutet nicht, alles aufzufangen wie ein emotionaler Mülleimer. Es bedeutet, spüren zu können - ohne dabei unterzugehen.
Und genau daran arbeite ich. Jeden Tag. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.
Aber zumindest weiß ich mittlerweile, dass nicht alles was ich spüre, wirklich mir gehört.
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